Der Kommentar: Ist der Leitwolf müde?
Die gestern bekannt geworde Entscheidung des Spring-Bundestrainers Otto Becker, den viermaligen Olympiasieger Ludger Beerbaum mit sofortiger Wirkung in den B-Kader zurückzustufen, ist das von Vielen erwartete Zeichen: Otto Becker ist in seinem neuen Amt angekommen.
Dass es als Ersten ausgerechnet den deutschen ‘Leitwolf’ trifft, ist schlicht ein komfortabler Zufall für Becker, mit Sicherheit keine geplante Bösartigkeit, ausgetragen zwischen zwei Rivalen.
Von dem Image des “Bundestrainers unter Ludger Beerbaum”, wie es der Moderator von Radio Bremen beim Interview mit dem Athleten noch kürzlich so keck formulierte, scheint Becker sich nun durch konsequentes, zielgerichtetes Handeln mit einer gewissen Eleganz zu befreien. Dass der Bundestrainer hierbei viel Rückhalt aus Funktionärskreisen hat, scheint der offizielle Weg der Verkündigung der unfrohen Botschaft über die FN und das Deutsche Olympiade Komitee aufzuzeigen.
Die Schmach von Hongkong 2008 sitzt vielleicht doch etwas tiefer. Selbst in den gerne etwas unbeweglichen Kreisen der sportlichen Würdenträger, ist der Wille groß, Veränderungen auch auf Kosten der Aushebelung lieb gewordener Gewohnheitsrechte herbeizuführen. So musste nun auch Ludger Beerbaum, der unter Ex-Bundestrainer Kurt Gravemeier selbst nach seiner Dopingsperre und der Aberkennung der olympischen Mannschaftsgoldmedallie von Athen 2004 noch das Abonnement auf den Platz des Primus inter pares im deutschen A-Kader nicht verlor, in die zweite Reihe zurücktreten.
So weit, so konsequent.
Wer nun glaubt, ein Ludger Beerbaum habe diese klare Linie beim Verkauf seines Spitzenpferdes All Inclusive nicht mit einkalkuliert, der unterschätzt den Macher Beerbaum gewaltig. Denn wer den knappen Satz des Spitzenreiters, mit dem er den Verkauf kommentierte, genau liest, dem sagt Beerbaum ganz klar: “… unter Abwägung ALLER sportlicher Komponenten” habe er dem Verkauf zugestimmt. Alles klar?
Interessanter ist vielleicht die Frage, ob Deutschlands Spitzenspringreiter einen Rückzug aus dem aktiven Geschäft vorbereitet? Spätestens seit Hongkong wirkt Ludger Beerbaum müde. In Interviews gibt er nur zurückhaltend Auskunft auf Fragen zu seiner Person. Selbst das Lächeln zu seiner neuerlichen Vaterschaft wirkt ‘mediengerecht’. Es fallen gar Sätze wie am Sonntag beim NDR-Interview, wenn man so lange im Geschäft sei wie er, dann “spult man das ab und fährt wieder nach Hause”. Die in diesem Jahr im englischen Windsor anstehenden Europameisterschaften sind aber auch für einen ehrgeizigen Reiter wie ihn kein “Abspulen”. Mit dem momentanen Platz im B-Kader würde Ludger Beerbaum erstmals seit vielen, vielen Jahren zu Hause bleiben. Das hat er sehenden Auges in Kauf genommen.
Gern verweist der kluge Geschäftsmann hingegen auf seinen Stall voller guter Pferde und voller begabter, junger Reiter. Sieht so das künftige Konzept des Ludger Beerbaums aus?
Als Funktionär, die verlängerte Laufbahn so manch eines Spitzenathleten nach dem Ende der aktiven Sportkarriere, mag man sich den energiegeladenen Westfalen nicht vorstellen. Als Reitsportmanager, der mit einem eigenen Stall ins internationale lukrative Springsportgeschehen eingreift, schon eher.
Paul Schockemöhle hat vorgemacht, wie man im Anschluss an eine erfolgreiche Sportlaufbahn gar noch erfolgreicher als Geschäftsmann weiter arbeiten kann. Schockemöhle, inzwischen hoch geachteter Doyen des deutschen und internationalen Springsports, war jedoch auch während seiner aktiven Laufbahn schon Unternehmer und Leiter eines auf vielen Säulen aufgestellten Imperiums.
Wie auch immer Ludger Beerbaum seinen künftigen Lebensweg entschieden hat – und nach einer Entscheidung sieht es immer mehr aus – es bleibt spannend.




