Der Kommentar: Das große Schweigen

Bei ihm hat keiner geschwiegen. Christian Ahlmann, doppelt verurteilter Dopingsünder. Foto: Julia Rau
Am 17. März hatte Dr. Björn Nolting, der Mannschaftstierarzt der deutschen Equipe in Hongkong 2008 (Dopingfall und Disqualifikation Ahlmann und Cöster) und Athen 2004 (Disqualifikation von Ludger Beerbaums Pferd Goldfever wegen Einsatzes verbotener Medikamente, Verlust der Deutschen Goldmedallie) , über die Pressestelle der Deutschen Reiterlichen Vereinigung verkünden lassen, er stehe künftig nur noch den Dressurreitern zur Verfügung.
Seine Tätigkeit ende mit dem Weltcup in Las Vegas. Eine Begründung hierfür gab es nicht.
Am 28. April verkündet dann dieselbe Pressestelle, Nolting werde sich nun innerhalb der FN neuen Aufgaben widmen, da man die große Fachkompetenz des Tierarztes schätze. FN-Geschäftsführer Reinhard Wendt verkündete: “Wir möchten das Know-how von Dr. Nolting für die zukunftgerichtete Grundlagenarbeit im Bereich Leistungsphysiologie und Fitness nutzen.”
Vier Tage später platzt die Bombe. Der Spiegel berichtet von einem weiteren Dopingfall bei den deutschen Springreitern in Hongkong. Der Name des Angestellten von Ludger Beerbaum, Marco Kutscher, ist nun ebenfalls mit einer Doping-Affäre beschmutzt.
Auch hier, wie im Fall seines Chefs Beerbaum, soll “eine Pflegerin” ohne Wissen der Verantwortlichen oder gar voreilig völlig selbstständig die Doping-Gabe verabreicht haben. Nolting: “Unglücklicherweise nahm die Pflegerin ohne Rücksprache und völlig voreilig die Behandlung vor, bevor ich die erforderliche Freigabe für eine Injektion einholen konnte.”
Eine intravenöse Injektion mit Lactanase, kann bei geringfügiger Fehlsetzung der Nadel – so ist es auf vielen Fachseiten im Web zu finden – höchst schwerwiegende Folgen haben, zum Beispiel einen Kreislaufkollaps. Woher die Pflegerin in beiden Fällen die verbotenen Mittel hatte? – Schweigen. Wie sie gelernt hat, intravenöse Injektionen zu setzen? – Schweigen.
Überhaupt: Schweigen scheint das Gebot der Stunde. Die FN verkündet gar ohne einen Hauch von Selbstkritik, ja, man habe Bescheid gewusst, aber besser geschwiegen. “Eine Aufarbeitung des Geschehenen war in tatsächlicher (eindeutige Feststellungen hinsichtlich des tatsächlichen Geschehensablaufes) und rechtlicher Hinsicht mit einem derart ungewissen Ausgang der Gesamtaufarbeitung behaftet, dass es konstruktiver war, die gesamte Kraft in die Erarbeitung der auf den Weg gebrachten Maßnahmen zu stecken.”
Geschwiegen im Falle Christian Ahlmann hatte die FN aber nicht. Nein, hier überschlugen sich die Funktionäre nach dem vermurksten Olympiastart mit Äußerungen der Empörung, Enttäuschung bis hin zur Abscheu. Ja, es wurde sogar nachgearbeitet: Die von der FEI verhängte viermonatige Sperre war den Verantwortlichen in Warendorf nicht genug. Man zog vor den internationalen Sportgerichtshof CAS, wo der Sünder Ahlmann dann zur Genugtuung der FN noch einmal abgestraft wurde. Die Strafe wurde – bis heute ohne vorliegende Urteilsbegründung – verdoppelt!
Seit dem 20. April darf Ahlmann wieder starten. Zwischen den beiden Urteilen liegende Preise werden in einem solchen Fall aberkannt, Preisgelder müssen zurückgezahlt werden. Das alles unternahm die FN im Falle Christian Ahlmanns. Geschwiegen hatte hier keiner. Im Gegenteil, das Getöse war groß. Das alles geschah gleichzeitig und wissend, dass es hier noch einen weiteren prominenten Doping-Sünder gibt.
Dieser durfte weiter ungestraft und unkommentiert seine Paroursrunden drehen, seine Preisgelder kassieren und wurde bei seinen nicht unerheblichen Erfolgen in den letzten Monaten entsprechend gewürdigt. Begründung: Der Ausgang war nach FN Vermutung “ungewiss” .
So ungewiss, dass die FN in der selben Erklärung davon spricht, dass ” …. im Umfeld der Springmannschaft über den Fall Ahlmann hinaus Handlungen vorgenommen wurden, die weder dem Regelwerk noch der Vorstellung von sauberem Sport entsprechen.”
Was ist daran ungewiss? Eine klare Aussage: Regelverstoß, unsauberer Sport. Der Mannschaftstierarzt wusste davon, aber “Aufgrund des dort (in Hongkong, Anm. Red.) herrschenden Trubels habe ich beschlossen – hierfür übernehme ich die Verantwortung – Stillschweigen zu bewahren.” – Und nach dem Trubel? In den Wochen nach Hongkong, als der Trubel um Christian Ahlmann erst so richtig los ging?
Da wurde weiter geschwiegen – über den Einen jedenfalls.
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