Der Kommentar: Et tu Isabell?
“Auch Du, mein Sohn Brutus!”, soll Caesar gerufen haben, als er entdeckte, dass selbst sein Freund, der von ihm geförderte Marcus Junius Brutus, am Komplott gegen ihn beteiligt war. Die Erkenntnis des Verrats kam für den großen Imperator zu spät, im nächsten Augenblick erdolchten ihn die politischen Meuchler.
Dass nun auch Deutschlands Vorzeige-Dressurreiterin Isabell Werth in einen Doping-Skandal verwickelt sein soll und FN-Präsident Breido Graf zu Rantzau ausruft: “Eine Katastrophe für den Reitsport” könnte Skakespeare nicht dramatischer inszeniert haben. Die Tragik dieses neuen Falles ist unübersehbar, die Folgen unüberschaubar.
Sollte sich die in der A-Probe ermittelte Substanz Fluphenazine nicht als Folge einer “Fehlanalyse”, “Schlamperei beim Verschließen”, “falsch anzeigender Instrumente”, “Wechselwirkung mit anderen Mitteln” oder sonstiger Unwägbarkeiten herausstellen und im Blut oder Urin des Nachwuchspferdes der Dressurreiterin und Juristin tatsächlich ein schweres Psychopharmakum gefunden worden sein, dann entspricht das in der Tat einer Katastrophe!
Isabell Werth selbst hatte sich bei einem unglücklichen Auftritt bei einer Podiumsdiskussion für persönliche Mitglieder der FN in Langenfeld vor sechs Wochen sehr selbstbewusst zum Thema Medikation und Doping geäußert. Sie sagte – sinngemäß – was in ihrem Stall den Pferden an Medikamenten verabreicht würde, gehe außer ihr selbst allenfalls den Pferdebesitzer nicht aber die Öffentlichkeit etwas an. Basta.
Die Geschäftsfrau, die von zahlreichen Sponsoren mit lukrativen Verträgen ausgestattet ist, wehrte sich gegen Einblicke in ihr Stallmanagement wie manch ein Unternehmen gegen die Einsicht in seine Bilanzen. Während andere, wie die Mannschaftsgold-Gewinnerin von Hongkong, Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke, offensiv selbst Fernsehteams ihr Stallbuch mit allen Eintragungen offenbarten, verbat sich die Rheinberger Dressurkönigin jegliches öffentliche Interesse daran, wie fit ihre Pferde bei Turnieren an den Start gehen und wodurch sie diese Leistung bringen können.
Die seit einigen Monaten verstärkten Dopingkontrollen bei Turnieren haben nun offensichtlich erstmals einen prominenten Fall im Raster. Ein Fall wie er schlimmer nicht sein könnte, bei dem auch – angesichts der Eindeutigkeit des Mittels – kein Herausreden mehr hilft. Hier hätte sich eine Sportlerin mithilfe eines Medikamentes einen Vorteil in einem Wettkampf verschafft gegen alle anderen in diesem sportlichen Wettbewerb angetreten Athleten. Wenn das Ergebnis stimmt, ist das Betrug! Basta.
Dass es ausgerechnet abermals eine so talentierte, großartige Reiterin und große Kämpferin nötig haben soll zu betrügen, fällt unter die Phänomene, die wir auch aus anderen Sportarten kennen, bei denen hochtalentierte und ehrgeizige Athleten – nicht zuletzt mithilfe von Ärzten – die Bodenhaftung völlig verlieren. Die Rolle der Tierärzte im Reitsport – die (fast) einzig mögliche Quelle aus der die Reiter die Medikamente erhalten können – ist bislang völlig unzulänglich betrachtet und vor allem geahndet worden.
Ob der Coup aus Warendorf mit der Auflösung der deutschen Olympiakader nur Theaterdonner zur Beruhigung der Öffentlichkeit war, wie hinter vorgehaltener Hand in den letzten Wochen geflüstert wurde, oder ob es die FN tatsächlich ernst meint mit dem Aufdecken unlauterer Machenschaften im deutschen Reitsport, ist noch längst nicht raus. Warum das mit Getöse angekündigte Gremium aus erfahrenen Experten ganze sechs Wochen (bis nach dem CHIO Aachen) braucht, um die Befragung der gut 70 Kaderreiter in den drei olympischen Disziplinen zu beginnen, das war der FN nicht mal eine Pressemitteilung wert.
Den St. Georg in Wiesbaden hat Isabell Werth auf ihrem 10 Jahre alten Hannoveraner, der nicht gefragt werden konnte, ob er gerne ein Mittel gegen Wahnvorstellungen zu sich nehmen möchte, vielleicht gewonnen. Verloren hat abermals der ganze Sport. Wie oft der Dolch noch zustoßen muss, um ihn gänzlich dahin zu raffen, mögen die Rettungskräfte entscheiden.




