Der Kommentar: Steiner oder das Kreuz mit der Wahrheit
Nun ist es also raus. Der deutsche Reitsport hat eine Blitz-Läuterung erfahren. Die Persilscheine sind verteilt. Alles ist wieder gut.
Alles? Zumindest das in dieser Woche vorgetragene Zwischenergebniss der Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) scheint das zu glauben.
Doch wer glaubt das noch? Sicher gehört zu den Gläubigen der Kommissionsvorsitzende selbst. Der ehemalige Verfassungsrichter Prof. Dr. Udo Steiner kann es sich aufgrund seiner eigenen Redlichkeit und seiner fachlichen Fremdheit vermutlich gar nicht vorstellen, was in (Deutschlands) Sportställen so alles los ist.
Und warum sollte ihm auch irgendeiner die Wahrheit sagen?
Alle Befragten sind wirtschaftlich, emotional und mit ihrem Lebenswerk so stark in die Geschichte vom deutschen Reitsport-Erfolg verstrickt, dass es aus ihrer Sicht einem Selbstmord gleichkäme, wenn sie sagten, was sie wüssten.
Denn dann müssten sie sagen: Im (deutschen) Reitsport werden Hochleistungssportpferde seit jeher auf ihre Verletzungen und Wehwehchen hin, seien sie physischer oder psychischer Natur, medizinisch behandelt. Und zwar mit allem, was die Pharmazie, die Naturheilkunde, die Ostheopathie oder auch die Scharlatanerie so hergibt – Hauptsache es hilft. Inwieweit diese Medikation nun unter Doping fiel oder nicht, das war sekundär, wenn nur der behandelnde Tierarzt versicherte “Das werden ‘die’ nicht finden.” (“Erlaubt ist, was nicht gefunden wird”, Ludger Beerbaum in der F.A.S.)
Der Erfolg gab allen Recht. Deutschland war auch international DIE Reitsportnation und ‘die’ fanden tatsächlich nichts. Wer hätte auch im deutsche Medallienregen danach suchen wollen? Und wenn etwas gefunden wurde, weil ‘die’ international dann doch nicht ganz so unbedarft waren, wie man es sich an Deutschlands Tierarztkofferräumen so erträumte, dann waren das “Einzelfälle”, verdammenswürdig. Schnell den Teppich hoch, drunter kehren und den Reiter möglichst unauffällig dem nationalen Aufgebot wieder zugeführt. Die Medallien nahm man dann doch zu gern wieder in Empfang.
Wer also sollte Professor Steiner die Wahrheit sagen und warum?
Die Funktionäre etwa, die Kenntnis von diesen Vorgängen haben? Sie waren selbst oft aktive Reiter, wurden mit Pferden groß in einer Zeit, als man sie teilweise noch vor den Pflug spannte. Da hatte man ein zwar partnerschaftliches aber auch sehr robustes Verhältnis zum Pferd. Sie wuchsen im Glauben auf, wenn der Tierarzt was verschreibt, dann wird das schon in Ordnung sein und wurden aus ihren Amateur-Reiterkarrieren in die Funktionärsämter mit den guten Anzügen, den dicken Zigarren, der stattlichen Apanage und der kleinen Prise Macht gespült, wo es sich deutlich besser leben ließ als auf dem in die Jahre gekommenen Hofgut oder der heimischen Landwirtschaft.
Hätten die dem Herrn Steiner, der da von irgendwoher kam, keine Ahnung von Pferden hat und auch wieder nach irgendwohin gehen wird, etwa die Wahrheit sagen sollen? Warum?
Oder die Reiter, deren wirtschaftliche Existenz, deren persönliches Renommee, deren ganzes Leben von den Pferden abhängt? Nicht von irgendwelchen Pferden, die vielleicht in Robusthaltung ein mehr oder weniger naturnahes Leben führen, sondern von Pferden, die so selten – und so teuer – sind wie ein Zehnkaräter.
Pferde, die man suchen, ausbilden und gesundheitlich fit halten muss, damit sie entweder ihren Hafer und den ihrer Stallgenossen durch hohe Preisgelder verdienten oder wegen ihrer Erfolge die Arbeit ihres Besitzers mit sechs- teilweise siebenstelligen Verkaufspreisen vergoldeten. Bei deren kleinster Verletzung also der ganze Stall die Luft anhält, ob der Hauptverdiener denn wohl – rechtzeitig – wieder fit zum Turnier mit dem dicken Preisgeld starten kann.
Sollten also die Reiter, die seit Jahrzehnten auf die guten Tipps aus dem Kofferraum ihrer renommierten Tierärzte angewiesen waren, dem Herrn Steiner, der sich zwar viel angelesen hatte, aber vielleicht niemals in einem Reitstall war, die Wahrheit sagen? Warum?
Professor Steiner und seine Kommission hatte keinerlei Druckmittel, um aus Reitern und Funktionären auch nur ein Fünckchen Wahrheit herauszuholen. Da half auch die Steilvorlage von Ludger Beerbaum nichts, der sein eigenes unsauberes Verhalten in aller Deutlichkeit darstellte – und von vielen Profi-Kollegen dafür verdammt wurde.
Welche Motivation Beerbaum auch immer hatte, vielleicht war ein Teil davon tatsächlich der auch für ihn unerträglichen momentanen Situation geschuldet und mit der heimlichen Hoffnung verbunden, dass viele seinem Beispiel folgen und mit dem Bekenntnis “ich auch” dafür sorgen würden, dass es nun tatsächlich zu einem reinigenden Neuanfang kommen würde.
Doch das tat keiner. Warum auch? Ehre und Moral gegen wirtschaftliche und persönliche Verstrickungen. Wer da wohl obsiegt?
Dabei hätte man der Wahrheitsfindung schnell und einfach Nachdruck verleihen können und Professor Steiner mit einem ebenso eleganten wie machtvollen Druckmittel ausstatten können: Bei einem Öffentlichmachen aller Anhörungen und der Übertragung sämtlicher Befragungen ins Internet, hätte sich so manch einer überlegt, ob er der Kommission - vor aller Welt – tatsächlich weiter “einen vom Pferd” erzählt!




