Der Kommentar: Das Auge des Betrachters
Was im Auge des Betrachters liegt, ist oft eine Frage der persönlichen Philosophie. Zwar können wir uns trefflich über den Sinn und Unsinn von Hyperflexion (Rollkur) streiten, Argumente austauschen, Emotionen freien Lauf lassen, Tierärzte, Trainer, Reiter und sonstige Experten zitieren. Das Auge des Betrachters, dieses scheinbar so unbestechliche Organ, lässt sich jedoch nur zu gern täuschen, wenn wir die richtige Geschichte dazu erzählt bekommen.
So haben sich zwei im Tierschutz engagierte dänische Filmemacherinnen, bekannt für ihre ablehnende Haltung gegenüber allem, was ihnen als Zwang im Pferdesport erscheint, aufgemacht, eine Diskussion zu ihrem Spezialthema zu entfachen. Einem Thema, das sie beschäftig wie kein anderes: Das gequälte Pferd im Leistungssport. Das gelang ihnen in Zeiten des World Wide Web binnen weniger Stunden; mit unglaublich einfachen Mitteln.
Sie stellten ein kurzes Video des in Rollkur reitendenen schwedischen Grand Prix Reiters Patrik Kittel auf Youtube ein zuzüglich einer angeblich blauen Zunge des Pferdes Watermill Scandic, die das I-Tüpfelchen auf dem Sinnbild des schamlos sich am Tier vergehenden Profireiters zu sein schien. Die beiden konnten sich darauf verlassen, dass es schon bald von den schnell zu emotionalisierenden Rollkurgegnern rund um den Globus empört diskutiert werden würde. Die Rechnung ging auf.
Doch obwohl das Youtube Video allein schon zahlreiche Pferdefreunde dazu veranlasste, Hassmails mit Todesdrohungen an den Reiter zu senden, setzten Luise Thomsen und Julie Taylor von Epona TV noch eins drauf. Auf ihrer, größtenteils kostenpflichtigen, Website verkündeten sie unter Berufung auf ihren journalistischen Status, dies sei noch nicht alles. Denn man habe den Reiter insgesamt zwei Stunden bei dieser Tierquälerei beobachtet. 90 Minuten davon lägen als Filmaterial vor.
Mit dieser Behauptung, das wussten die beiden Frauen, die sich immer wieder auf ihre journalistische Neutralität berufen, würden sie selbst die FEI Verrantwortlichen hinter ihren Aktenbergen hervorlocken, hinter denen sie sich angesichts solch schwieriger Themen gern verschanzen. Zwei Stunden Rollkur, das ging selbst nach FEI-Reglement, das die Hyperflexion als legale Trainingsmethode in Profihänden deklariert, dann doch nicht. Die Web-Pferdegemeinde schrie auf. Empörte Reaktionen in allen Foren. Mailbashings an die FEI und deren Sponsoren, unreflektierte Weitergabe der Behauptungen von Epona in vielen einschlägigen Medien.

Das Auge des Betrachters ist leicht zu täuschen. Es sieht das, was es sehen will.
Dabei hätte ein wenig Misstrauen nicht geschadet. Spätestens als das plötzlich nachgeschobene zweite Youtube Video eingestellt wurde, hätte das Auge des vernünftigen Betrachters stutzig werden müssen. Dieses zweite, jetzt zehn minütige Video tauchte auf zum Beweis, dass die Sequenz in Echtzeit viel länger dauerte.
Bewiesen wurde damit aber auch, dass der erste, vier minutige Film offensichtlich stark bearbeitet worden war. So zurecht geschnitten, dass sich das Auge auf Kittel fokussieren musste und mit SlowMotion versehen, ein probates Mittel im Film um Emotionen zu erzeugen. Der Betrachter merkt in der Regel nicht, was da mit ihm geschieht.
Der Ausgang der Geschichte? Die FEI leitet eine Untersuchung ein, Sponsoren drohen dem Verband und dem Reiter mit Abzug ihrer Gelder und Patrik Kittel sieht sich plötzlich dem Vorwurf gegenüber, ein brutaler Tierquäler zu sein und seinen sportlichen Ehrgeiz zum Schaden eines Pferdes auszuleben.
Die Filmemacherinnen müssen sich die Hände gerieben haben. So leicht ist es also, zehntausende Webuser, PR-Abteilungen in Unternehmen und selbst den trägen Apparat des Internationalen Reiterverbandes zu manipulieren. Denn das angebliche Beweismaterial von zwei Stunden gibt es nicht. Der FEI, die in all ihrer trägen Seriösität den Beweis für die Anschuldigungen verlangt, wird nicht einmal das Original des Youtube Videos übersandt, an dem man hätte untersuchen können, inweiweit der kurze Film weiteren Bearbeitungen unterzogen wurde, wie zum Beispiel der Anwendung eines Farbfilters, der den Anschein einer blau angelaufen Zunge dezent erweckt haben könnte.
Wie sagte Ludger Beerbaum im Hinblick auf die Dopingfällen im Springsport: “Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.” Hierzu ist zu ergänzen: Erlaubt ist noch viel mehr, was die FEI nicht verbietet. Dass Patrik Kittel nun gegen das Image ein Tierquäler zu sein anreiten muss, ist das Ergebniss einer billigen Manipulation – sonst nichts. Das Auge des Betrachters wollte es so sehen .
Frühere Artikel zum Thema
Patrik Kittel und Watermill Scandic – zwei Stunden Rollkur?
Patrik Kittel über die Rollkur-Vorwürfe
British Horse Society fordert von FEI erweiterte Untersuchung zur Rollkur/Hyperflexion
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Ein interessanter Artikel!Ich bin der Meinung, dass einfach generell das Thema Hyperflexion geklärt werden sollte. So lange im Profisport die Hyperfelxion angewendet werden darf, wird es nie Ruhe geben. In wie fern das Video bearbeitet wurde, kann ich nicht beurteilen, finde es aber natürlich nicht gut, wenn dem so ist. Trotzdem finde ich die Anwendungserlaubnis einer schädigenden Trainingsmethode ebenfalls nicht gut. Denn wer von uns Menschen, würde einer Trainigsmethode für sich selber zustimmen, bei der er Schäden davon tragen wird, nur weil auf die Biomechanik kein Augenmerk gelegt wird?? Es handelt sich hier wirklich um ein sehr emotionales Thema, aber wer einmal einen Lehrgang bei Herrn Heuschmann mitgemacht hat, sieht bei solchen Bildern, die von Herrn Kittel, aber auch anderen Reitern des Profisports existieren, die Schmerzen und Gefahren die für ein Pferd dadurch entstehen. Und da sollte dann eingeschritten werden, aber generell!!! Und wenn man sich mit der ‘alten Reitlehre’ etwas auseinander gesetzt hat, dann weiß man auch so, dass man auf solche Trainingsmethoden -egal von welcher Dauer- gut verzichten kann und diese zu der Zeit auch nihct benötigt wurden.
Vielen Dank für den Artikel, er gibt die Sache in einem anderen Licht wieder!
Herzlichen Dank für diesen Kommentar. Sehr gut geschrieben, hoffe, er wird auch in einem der großen Magazine aufgenommen, weil er doch sehr objektiv ist und mal einige Hintergründe aufdeckt.
Auch ich finde blaue Zungen gehören sich nicht. Aber die blaue Zunge hat zunächst auch erst einmal gar nichts mit der Rollkur oder Hyperflexion zu tun. Und auch diese sollte erst einmal eindeutig definiert werden, bzw. verstanden werden.
Mittlerweile passiert es, dass sogar Profispringreiter, deren ganzes Kapital ihre Springpferde sind, und die teilweise Millionen Euro wert sind, sofort angegangen werden, wenn Sie ihr Pferd tiefer eingestellt haben, es wird sofort von “Rollkur” gesprochen, egal ob diese Leute überhaupt wissen, was das ist.
Ich konnte mich selbst im Training eines unserer Top-Springreiter davon überzeugen, das sein Pferd keine Rollkur bekommt – der Wallach stellt den Kopf selbst so tief ein, lief selbst ohne Zügel locker so weiter. So, und wo ist denn da die Rollkur?… Der Reiter sprach von einer direkten Hetze nun auch gegen die Springreiter, so geschehen auf einem Turnier auf dem Abreiteplatz.
Ich bin absolut für Tierschutz, aber ich bin nicht für Fanatiker, die nun meinen, die gesamte Dressur umstellen zu müssen, und die Springreiter auch gleich mit verteufeln und ach überhaupt, alle Profis sind schlechte Menschen und behandeln ihre Pferde schlecht. Ist hier nicht wohl auch ein wenig Neid im Spiel?
Die Reiter leben von Erfolgen, und die erzielen sie mit ihrem Pferd. Wenn sie ihre Pferde schlecht behandeln, erzielen sie keine dauerhaften Erfolge, so was funktioniert immer nur kurzfristig.
Ach ja, und meine Stute, 1.80 groß und erfolgreiches Springpferd, macht morgens schon auf dem Weg in die Führanlage ‘ne Rollkur von selbst – ich führe sie an einem Finger am Halfter, und sie hält den Kopf ohne meine Einwirkung weit hinter der Senkrechten. Soviel zu dem Thema, das Pferde so was nicht von alleine machen. B…it.
Hier gibt es wohl Klärungsbedarf.. da sollten vor allem mal die Aktiven und Profis dazu befragt werden, und nicht irgendwelche bescheuerten Filmer, die nur Leute auf ihr Pferdportal locken wollen, damit die sich kostenpflichtig registrieren (hat ja wohl auch gut geklappt… guter Werbetrick).
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Da sind jetzt alle sichtlich um Objektivität bemüht, dabei zeigt die Debatte doch vor allem eines: Die breite Masse der Reiter, Turnierbesucher, Pferdefans hat kein Verständnis für diese Methoden. Und zwar ganz zu Recht! Lassen wir die Kirche im Dorf: In jeder seriösen Reitlehre, FN-Richtlinien inclusive, steht es klar und deutlich – das Genick muss der höchste Punkt sein und die Nase des Pferdes vor der Senkrechten. Da gibt es nichts zu diskutieren, und jeder weiß auch, dass Pferde die aufgerollte Haltung in der Bewegung niemals von selbst annehmen; mein Pferd ging noch nie mit aufgerolltem Hals auf die Weide…
Ein erfolgreicher Weltcup-Reiter ist eine “Person des öffentlichen Lebens” mit Vorbildfunktion. Als solche muss er damit leben, dass er auch subjektiver, selbst unsachlicher Argumentation ausgesetzt ist, wenn sein Verhalten das gottseidank noch immer intakte Mitgefühl der Mitmenschen mit seinem anscheinend zum Sportgerät degradierten Pferd provoziert.
Das Auge lässt sich nicht betrügen, Video-Bearbeitung hin oder her. Es erkennt untrüglich schlechte, nicht pferdegerechte, unharmonische, unästhetische Handreiterei – jedes Kind sieht das.
Es ist an der Zeit, dass die FEI in dieser Sache klar Stellung für die klassischen Methoden und Ziele der Reiterei bezieht und die “Rollkur” (das Wort ist so alt und so richtig wie es negativ gemeint ist, der Euphemismus “Hyperflexion” ist völlig inakzeptabel) verdammt.
Die Richter sollten endlich ihrer Aufgabe, die klassische Reiterei zu bewahren, gerecht werden und Lektionen, die mit aufgerolltem Hals, herausgestellten Hinterbeinen usw. sowie generell Pferde, die mit falschem Knick vorgestellt werden, mit 2 Wertnoten Abzug bewerten, um diejenigen Reiter zu belohnen, die korrekt reiten und ausbilden und solche zu sanktionieren, die mit tierquälerischen Methoden das Dressurreiten in Verruf bringen, selbst wenn sie dabei spektakuläre Tritte produzieren.
Nur so lässt sich wirklich in dieser Sache Objektivität herstellen.
Pasiert dies nicht, werden dem Dressursport über kurz oder lang die Fans davonlaufen, weil sie angewidert sind von der Entwicklung, die der Sport in den letzten Jahren (vor allem befördert durch die holländischen und schwedischen, aber leider auch viele deutsche Reiter) genommen hat.
Falls das Epona-Video wirklich getürkt sein sollte, ist das natürlich ein Fall von unseriösem Sensationsjournalismus.
Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Herr Kittel sein Pferd auf eine unmögliche Art und Weise geritten hat, egal ob jetzt 12 Minuten am Stück, oder 3 mal 4 Minuten. Wenn ich so mit der Hand vorne drinhänge, dass mein Pferd die Zunge raushängen lässt und ich sie wieder reinstopfe, dann ist das nunmal ein totales Armutszeugnis – egal, ob die Zunge jetzt wirklich blau war oder nicht. Zumal das ja nicht die erste Veranstaltung war, bei der sein Reiten auf dem Abreiteplatz negativ aufgefallen ist.
Vor schlechtem Journalismus darf man warnen. Aber deswegen wird die Reiterei von besagtem Herrn auch nicht besser. Da sollte man nicht versuchen, seinen Kittel wegen Fehler Anderer (aus)zu bügeln.