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Der Kommentar: Das Auge des Betrachters

14. November 2009 Der Kommentar

Was im Auge des Betrachters liegt, ist oft eine Frage der persönlichen Philosophie. Zwar können wir uns trefflich über den Sinn und Unsinn von Hyperflexion (Rollkur) streiten, Argumente austauschen, Emotionen freien Lauf lassen, Tierärzte, Trainer, Reiter und sonstige Experten zitieren. Das Auge des Betrachters, dieses scheinbar so unbestechliche Organ, lässt sich jedoch nur zu gern täuschen, wenn wir die richtige Geschichte dazu erzählt bekommen.

So haben sich zwei im Tierschutz engagierte dänische Filmemacherinnen, bekannt für ihre ablehnende Haltung gegenüber allem, was ihnen als Zwang im Pferdesport erscheint, aufgemacht, eine Diskussion zu ihrem Spezialthema zu entfachen. Einem Thema, das sie beschäftig wie kein anderes: Das gequälte Pferd im Leistungssport. Das gelang ihnen in Zeiten des World Wide Web binnen weniger Stunden; mit unglaublich einfachen Mitteln.

Sie stellten ein kurzes Video des in Rollkur reitendenen schwedischen Grand Prix Reiters Patrik Kittel auf Youtube ein zuzüglich einer angeblich blauen Zunge des Pferdes Watermill Scandic, die das I-Tüpfelchen auf dem Sinnbild des schamlos sich am Tier vergehenden Profireiters zu sein schien. Die beiden konnten sich darauf verlassen,  dass es schon bald von den schnell zu emotionalisierenden Rollkurgegnern rund um den Globus empört diskutiert werden würde. Die Rechnung ging auf.

Doch obwohl das Youtube Video allein schon zahlreiche Pferdefreunde dazu veranlasste, Hassmails mit Todesdrohungen an den Reiter zu senden, setzten Luise Thomsen und Julie Taylor von Epona TV noch eins drauf. Auf ihrer, größtenteils kostenpflichtigen, Website verkündeten sie unter Berufung auf ihren journalistischen Status, dies sei noch nicht alles. Denn man habe den Reiter insgesamt zwei Stunden bei dieser Tierquälerei beobachtet. 90 Minuten davon lägen als Filmaterial vor.

Mit dieser Behauptung, das wussten die beiden Frauen, die sich immer wieder auf ihre journalistische Neutralität berufen, würden sie selbst die FEI Verrantwortlichen hinter ihren Aktenbergen hervorlocken, hinter denen sie sich angesichts solch schwieriger Themen gern verschanzen. Zwei Stunden Rollkur, das ging selbst nach FEI-Reglement, das die Hyperflexion als legale Trainingsmethode in Profihänden deklariert, dann doch nicht. Die Web-Pferdegemeinde schrie auf. Empörte Reaktionen in allen Foren. Mailbashings an die FEI und deren Sponsoren, unreflektierte Weitergabe der Behauptungen von Epona in vielen einschlägigen Medien.

Das Auge des Betrachters ist leicht zu täuschen. Es sieht das, was es sehen will.

Das Auge des Betrachters ist leicht zu täuschen. Es sieht das, was es sehen will.

Dabei hätte ein wenig Misstrauen nicht geschadet. Spätestens als das plötzlich nachgeschobene zweite Youtube Video eingestellt wurde, hätte das Auge des vernünftigen Betrachters stutzig werden müssen. Dieses zweite, jetzt zehn minütige Video tauchte auf zum Beweis, dass die Sequenz in Echtzeit viel länger dauerte.

Bewiesen wurde damit aber auch, dass der erste, vier minutige Film offensichtlich stark bearbeitet worden war. So zurecht geschnitten, dass sich das Auge auf Kittel fokussieren musste und mit SlowMotion versehen, ein probates Mittel im Film um Emotionen zu erzeugen. Der Betrachter merkt in der Regel nicht, was da mit ihm geschieht.

Der Ausgang der Geschichte? Die FEI leitet eine Untersuchung ein, Sponsoren drohen dem Verband und dem Reiter mit Abzug ihrer Gelder und Patrik Kittel sieht sich plötzlich dem Vorwurf gegenüber, ein brutaler Tierquäler zu sein und seinen sportlichen Ehrgeiz zum Schaden eines Pferdes auszuleben.

Die Filmemacherinnen müssen sich die Hände gerieben haben. So leicht ist es also, zehntausende Webuser, PR-Abteilungen in Unternehmen und selbst den trägen Apparat des Internationalen Reiterverbandes zu manipulieren. Denn das angebliche Beweismaterial von zwei Stunden gibt es nicht. Der FEI, die in all ihrer trägen Seriösität den Beweis für die Anschuldigungen verlangt, wird nicht einmal das Original des Youtube Videos übersandt, an dem man hätte untersuchen können, inweiweit der kurze Film weiteren Bearbeitungen unterzogen wurde, wie zum Beispiel der Anwendung eines Farbfilters, der den Anschein einer blau angelaufen Zunge dezent erweckt haben könnte.

Wie sagte Ludger Beerbaum im Hinblick auf die Dopingfällen im Springsport: “Erlaubt ist, was nicht gefunden wird.” Hierzu ist zu ergänzen: Erlaubt ist noch viel mehr, was die FEI nicht verbietet. Dass Patrik Kittel nun gegen das Image ein Tierquäler zu sein anreiten muss, ist das Ergebniss einer billigen Manipulation – sonst nichts. Das Auge des Betrachters wollte es so sehen .

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