Home » Wissen » Currently Reading:

USA: Keine einheitliche Stimmung zu FEI Medikationsbeschluss

25. November 2009 Wissen

Die Reitsportbegeisterung in den USA ist groß - doch werden sich die US Verantwortlichen 300 Tage vor Beginn der Weltreiterspiele auf eine Medikationsdebatte einlassen? Foto: Julia Rau

Die Reitsportbegeisterung in den USA ist groß - doch werden sich die US Verantwortlichen 300 Tage vor Beginn der Weltreiterspiele auf eine Medikationsdebatte mit der FEI einlassen? Foto: Julia Rau

American Point of View by Fran Jurga
English version see below

Der während der Generalversammlung der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) gefasste Beschluss, nun doch einzelne Medikamente in festgelegten Dosierungen für Pferde auf internationalen Turnieren frei zu geben (“Progressive Liste”), hat hohe Wellen geschlagen (siehe auch Bericht: No-FEI) . Würden hiermit doch, beispielsweise durch den Schmerz- und Entzündungshemmer Phenylbutazon, der nun bis zu einem Grenzwert erlaubt sein soll, kranke oder verletzte Pferde zu Hochleistungen gebracht werden.

Die Ankündigung des Präsidenten der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), Breido Graf zu Rantzau, notfalls selbst die Weltreiterspiele in Kentucky im nächsten Jahr zu boykottieren, um der europäischen Forderung nach einer Null-Lösung im Turniersport Nachdruck zu verleihen, ist eine mächtige Drohung.

Rantzau hatte bekundet, hier nicht nur sämtliche europäischen Verbände, Turnierveranstalter und Sponsoren hinter sich zu wissen, sondern auch “die Amerikaner” seien mit der neuen Regelung nicht einverstanden. Doch – anders als in der Darstellung des FN-Präsidenten – ist die Stimmung in den USA keineswegs eindeutig, wenn man überhaupt von einer Stimmung sprechen kann.

Denn die Furcht vor einem Boykott der mit Abermillionen Sponsorengelder unterstützten Weltmeisterschaften ist groß. Der amerikanische Verband USEF äußert sich bislang überhaupt nicht öffentlich zu den jüngsten Vorkommnissen (Horses & Sports hat ebenfalls um eine Stellungnahme gebeten), die sonstige Öffentlichkeit reagiert eher gleichgültig.

Fran Jurga, ist us-amerikanische Fachjournalistin mit dem Schwerpunkt medizinische Themen, sie hat sich die Stimmungslage in den USA für uns angeschaut. Foto: privat

Fran Jurga, ist us-amerikanische Fachjournalistin mit dem Schwerpunkt medizinische Themen, sie hat sich die Stimmungslage in den USA für uns angeschaut. Foto: privat

Unsere US-Kollegin Fran Jurga, die sich fachlich vor allem um medizinische Themen rund um den Pferdesport kümmert und für diverse amerikanische Fachmagazine und Online-Journale, wie Equisearch sowie für ihre eigenen Blog (Jurga Report) schreibt, hat für uns recherchiert und uns ihre Einschätzung der amerikanischen Stimmungslage geschickt:

Die amerikanische Sicht der Dinge - Eine Beobachtung von Fran Jurga

Vielleicht liegt es ja nur an diesen freien Tagen rund um Thanksgiving. Am 26ten November wird der Feiertag offiziell begangen  und veranlasst Amerikaner zu verreisen, zu kochen und viel zu unternehmen. Vielleicht schaut deshalb keiner in seine Mails.

Aus welchem Grund auch immer: Weder versammeln sich die Amerikaner zu Protesten gegen die neuen FEI-Medikations-Regeln noch will sie irgendwer wirklich Willkommen heißen.

Ein Verhalten, das ziemlich im Gegensatz steht zu den emotionalen und mitfühlenden Reaktionen zum “Blue-Tongue” You-Tube Spot (Patrik Kittel in Odense, Anm.Red.), der im letzten Monat im Web verbreitet wurde. Es war geradezu unmöglich, jemanden zu finden, der den Clip nicht gesehen und sich darüber eine – zumeist negative – Meinung gebildet hatte.

Die Meinungen aber, die bislang in den einschlägigen Foren und Chat-Rooms zur Änderung der FEI Medikationspolitik auftauchen, scheinen mit diesen Gefühlsäußerungen nicht vereinbar: Es ist zwar nicht in Ordnung, die Kandarenzügel eines Pferdes beim Aufwärmtraining (bis auf die Brust) durchzuziehen, aber es ist offensichtlich ok, den internationalen Pferdesport auf höchstem Niveau für Medikation frei zu geben.

Ein kleiner Zwischenfall mit einem einzelnen Pferd erregt die Massen – ein großer Richtungswechsel im Regelwerk, der den Sport auf höchster Ebene betrifft, erzeugt, wenn überhaupt ein Schulterzucken von allen, außer den ganz aufmerksamen Pferdeleuten.

Im US-Reitsport ist das Thema therapeutischer Anwendungen von Medikation nicht neu. Das Regelwerk des US-Amerikanischen Reitsportverbandes (USEF) erlaubt kleinere Medikamenten-Gaben. Die meisten Veranstaltungen im Bereich Westernreiten/Reining sind diesbezüglich sogar überhaupt nicht reglementiert. Dennoch haben die amerikanischen Reiter immer ohne Medikationen an den Turnieren teil genommen. Der Erfolg amerikanischer Pferde innerhalb der bisherigen FEI-Regeln, ist daher um so beachtlicher wenn er auch meistens keine Erwähnung findet.

In meinem Blog - The Jurga Report auf equisearch.com - haben 21 Leser aufgrund eines kurzen Youtube videos, das den Vorfall in Odense mit der blauen Zunge (von Patrik Kittels Pferd) zeigt, den Reiter aufs Schärfste verurteilt. Aber angesichts der Neuigkeiten bei der Medikations-Abstimmung, haben sich an der selben Stelle gerade einmal acht Leute zu Wort gemeldet. Und hierbei gingen die Meinungen weit auseinander: Von der Unterstützung therapeutischer Phenylbutazon-Gaben bis hin zu regelrecht zynischen Äußerungen über die pharmazeutische Korrumpiertheit dieses Sports.

Einzig die Distanzreiter scheinen wirklich schockiert zu sein, denn für sie würde es bedeuten, dass die amerikanischen Regeln im Konflikt mit den neuen FEI-Regularien stünden. Ob die Amerikaner nach dem Genuss ihres Truthahns am Donnerstag endlich aufwachen und den Neuigkeiten dann Beachtung schenken werden?

Die jetzt anstehenden nationalen Versammlungen der Vielseitigkeits- und Dressurreiter könnten die Stimmung in die ein oder andere Richtung lenken. Aber meine Vermutung ist, dass die feinen Unterschiede zwischen den vorher und jetzt erlaubten Medikamenten-Dosen bei der Mehrheit der Amerikaner gar nicht wahr genommen werden. Viele von ihnen verfolgen das internationale Geschehen überhaupt nicht und sind sich dementsprechend gar nicht bewusst, dass es hier jemals einen Unterschied gab.

Das wird sich allerdings im Jahr 2010 ändern, wenn die ganze Welt zu den Weltreiterspielen nach Kentucky kommt. Wir erwarten hier eine große Zahl internationaler Reiter, die bereits während der Sommermonate in den USA an Turnieren teilnehmen werden. Dann werden politische Auffassung mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden und die Amerikaner werden letztlich lernen, dass sie Teil einer größeren Reitsportwelt sind und dass wir alle nach den selben Regeln spielen müssen auf der großen Bühne in Lexington.

Dass sich die europäischen Verbände und Reiter aus diesen ersten Weltmeisterschaften unter den neuen Medikations-Regeln ausklinken könnten, scheint noch nicht in das amerikanische Bewusstsein vorgedrungen zu sein. Noch 300 Tage … ich hoffe, das wird Zeit genug sein, für Kompromisse oder Friedensangebote auf höchstem internationalen Niveau, die alle Parteien befrieden werden und damit die Weltreiterspiele in den USA zu dem wunderschönen Fest machen, das es werden sollte.

Weitere Artikel zum Thema:

USAmerikanischer Reiterverband: Eindeutiges Bekenntnis zur Progressiven Liste – In Übereinstimmung mit WADA

CHIO Aachen – Kempermann für sauberen Sport

FEI Tierärzte schicken Protesschreiben an Haya

No-FEI Petition

Neue FEI-Doping-Regeln: Droht ein europäischer Separatismus im Reitsport

USA: Non-uniform sentiment to new FEI medication rules

There's a huge enthusiasm for horsesport in the USA - but will the US Federations 300 days before the start of the WEG 2010, the largest horsesport event ever in this country, want to be involved in a medication debate with the FEI? Photo: Julia Rau

There's a huge enthusiasm for horsesport in the USA - but will the US Federations 300 days before the start of the WEG 2010, the largest horsesport event ever in this country, want to be involved in a medication debate with the FEI? Photo: Julia Rau

The new rule passed by the General Assembly of the Federation Equestrian International (FEI) last weekend in Copenhagen (DEN) which allows the use of medication (so called “progressive list”) e.g. with buta up to certain dosages at international competition levels created a huge stir all around Europe.

The announcement of the President of the German Equestrian Federation (FN), Breido Graf zu Rantzau, even to boycott the World Equestrian Games in worst case and to found a new European Federation was a powerful threat to enforce the German and European demand of a zero tolerance solution on drugs and medication of competition horses.

Rantzau uttered that not only all European federations, competition organizers and sponsors agree with this course of action but also “the Americans” disagreed with the new FEI medication rules. But the USAmerican sentiment isn’t clear in any way, if one could talk about any kind of a sentiment.

The fear of a boycott of the Alltech FEI World Equestrian Games which are sponsored with millions of Dollars by influential companies is huge. The American Equestrian Federation (USEF) didn’t make any official Statement yet concerning the new rule, the Amercian public remains more or less indifferent.

Fran Jurga is a US equine journalist focussing on horse health and welfare. Photo:privat

Fran Jurga is a US equine journalist focussing on horse health and welfare. Photo:privat

Our US-colleague Fran Jurga,  journalist with a horse health and welfare blog on equisearch.com is writing for several magazines and does also another special blog on lameness in horses and has a special interest in this medication issue, has sent us her observation:

American Point of View – Observation By Fran Jurga

Perhaps it is the eclipse of the country’s busiest travel week; the holiday of Thanksgiving, celebrated officially on November 26, has Americans traveling, cooking, and entertaining on a grand scale. Perhaps they are not checking their email.

For whatever reason, Americans are neither rallying to protest nor hurrying to embrace the announcement of changes in FEI medication rules.

However, this is in distinct contrast to how Americans responded emotionally and emphatically to the viral “blue tongue” dressage video that circulated on the Internet last month. It was impossible to find anyone who hadn’t seen it and didn’t have an opinion—mostly negative.

Yet the opinions that are posted on forums and chat rooms so far regarding the FEI’s medication policy change seem to be contradictory: it’s not ok to pull on the curb rein of a dressage horse in the warmup ring, but it is ok to open international sport at the highest level to medication. A micro incident with one horse excites the masses; a macro policy change affecting the highest level of sport brings a shrug, if that, from any but the most aware horsemen.

Therapeutic levels of medication are nothing new to US competition, since USEF rules for most disciplines allow low levels of certain medications and most reining events are not regulated. Yet the Americans have always met the challenge of competing on the international stage without these drugs. The success of American horses under FEI rules often goes unmentioned and may be all the more extraordinary.

On my blog, The Jurga Report on equisearch.com, 21 readers commented on the blue tongue incident and all condemned the rider based on viewing the short YouTube clip. But faced with news of the medication vote, only eight people commented, and the opinions were quite split between support for therapeutic administration of low levels of Bute vs. outright cynicism about the pharmacological corruption of the sport.

Endurance seems to be the one discipline that is shocked, since American Endurance Ride Conference rules would conflict with FEI rules.

Will Americans wake up after their turkey feast on Thursday and pay attention to the news? Upcoming national conventions of the eventing and dressage federations may stir sentiments in one direction or the other, but my guess is that the subtlety of such low levels of medication will be lost on the masses of Americans, many of whom have never followed the international scene and may not be aware that there was ever much difference in policy.

All that will change in 2010 when the world comes to the US for the Alltech FEI World Equestrian Games in Kentucky. We expect plenty of international riders to be competing in the US over the summer months. Politics will surely become more publicized and Americans may learn, at last, that they are part of a larger horse world and that we all must play by the same rules on the big stage in Lexington.

That European federations and riders might be put off by the first world championships under these new medication rules seems not to have crossed the Americans’ minds. There are 300 days to go…I hope that is time enough for some compromise or peacemaking at the highest international levels that will appease all parties and make WEG in the USA the wonderful celebration it should be.

Comment on this Article:







AdvertisementAdvertisementAdvertisementAdvertisement

.

Twitter

Tag's

Namen & Nachrichten

Der Deal ist perfekt: Schockemöhle kauft Totilas

14. Oktober 2010

Der Deal ist perfekt: Schockemöhle kauft Totilas

Wie die Online-Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heute meldet, hat Paul Schockemöhle nun doch das Jahrhundertpferd Totilasgekauft.
Für eine Rekordsumme zwischen 10 und 15 Millionen Euro soll  der schwarze Trakehnerhengst, der bis auf Olympisches Gold inzwischen alles gewonnen hat, zuletzt war er in Kentucky bei den Weltreiterspielen dreifacher Weltmeister geworden, an den deutschen Unternehmer und Pferdehändler [...]

WEG 2010 Kentucky: Kein Start für Victoria Max-Theurer

13. September 2010

WEG 2010 Kentucky: Kein Start für Victoria Max-Theurer

Die zehnte der aktuellen Weltrangliste und Österreichs beste Dressurreiterin, Victoria Max-Theurer, verzichtet auf einen Start bei den Weltreiterspielen in Kentucky (USA), die am 25. September beginnen. Die 24-Jährige will ihrem 2009  nach einer schweren Kolik operierten Top Pferd Augustin OLD die Reise- und Quarantänestrapazen nicht zumuten, so die Pressemitteilung aus dem Hause Max-Theurer. Der Focus [...]

Der Kommentar

  • Der Kommentar: Komet mit kurzer Lebensdauer - Gastkommentar zum Rücktritt von Gerd Heuschmann
    von Karola Bady Unsere Autorin ist Mitglied bei Xenophon und Redakteurin. Sie war bei der Mitgliederversammlung am 12. Juli in Aachen anwesend. Für Horses & Sports hat sie ihr persönliches Resümee aus dieser Veranstaltung gezogen: "Die Laufbahn des Tierarztes Heuschmann gleicht inzwischen der eines Kometen: Er tauchte vor wenigen Jahren unvermittelt auf, sorgte für ein Leuchten am Himmel, als er sich gegen die Rollkur, gegen Doping und unerlaubte Medikation äußerte, dab...

Wissen

FN bietet Suchmaschine für verbotene Substanzen in Futtermitteln

17. Juni 2010

FN bietet Suchmaschine für verbotene Substanzen in Futtermitteln

Die Verunsicherung gerade im semi-professionellen Reitsport ist weiterhin groß. Welche Mittel dürfen Pferde im Körper haben, ohne dass sich der Reiter eines Dopingvergehens schuldig macht? Keiner weiss es wirklich genau.
Vor allem die in modernen, teilweise hoch angereicherten Futtermitteln enthaltenen Substanzen haben eine teilweise nicht mehr überschaubare Anwendungsspezifikation.
Seit Juni versucht nun die Deutsche Reiterliche Vereinigung [...]

Fliegenschutzmittel im Wettkampf erlaubt

9. Juni 2010

Fliegenschutzmittel im Wettkampf erlaubt

Eine geradezu bahnbrechende Neuerung im unermüdlichen Kampf um fairen Sport, hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) in diesen Tagen zu verkünden: Ab sofort sind alle Fliegenschutzmittel bei Turnieren erlaubt. Bislang galt die Regelung, dass Fliegensprays, die ätherische Öle – unter anderem Nelken- oder Lavendelöl – enthalten, eine Karenzzeit von 48 Stunden haben und somit im [...]

.