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Deutsche Richtervereinigung: Unangenehmes Aussprechen von Ordnungsmaßnahmen

3. März 2010 Mehr Sport, Wissen

Ihre Aufgaben stehen derzeit vielfältig auf dem Prüfstand, ob am Abreiteplatz oder in der Bewertung von Dressuren – Richtersein wird zunehmend unbequem, stellenweise auch unangenehm. Was die Männer und Frauen, die derzeit in Abwesenheit gleichermaßen gescholten wie gefordert werden, dazu denken, erfährt man selten.

Bei der Mitgliederversammlung der Deutschen Richtervereinigung (DRV) im Februar in Warendorf, wurden einige der heißen Eisen angesprochen. Doch selbst hier übte sich die Mehrheit in einer seltsamen Zurückhaltung: Die Veranstaltung fand trotz aktueller Themenwahl vor nahezu leeren Rängen statt. Von den 2.600 im DRV angeschlossenen Turnierrichtern (etwa 4.000 gibt es insgesamt in Deutschland) fanden gerade einmal 43 den Weg nach Warendorf – honorige Herren in der deutlichen Überzahl.

Nicht nur die Beurteilung des Reiterverhaltens auf Abreiteplätzen liegt manchmal im Nebel, auch die Meinung der Richter dazu. Foto: Julia Rau

Nicht nur die Beurteilung des Reiterverhaltens auf Abreiteplätzen liegt manchmal im Nebel, auch die Meinung der Richter dazu. Foto: Julia Rau

„Wir sind schon sehr enttäuscht“, sagte der DRV-Vorsitzende Eckhard Wemhöner (Herford). Wie seine Vorstandskollegen fragte er sich, was noch aufgeboten werden müsse, damit eine solche Veranstaltung künftig besser angenommen wird.  „Wir verstehen uns als Interessenvertretung der Richter, aber das können wir nur, wenn diese auch ihr Interesse aktiv bekunden“, sagte DRV-Geschäftsführer Joachim Geilfus (Duderstadt).

Help, prevent, intervene (helfen, vorbeugen, eingreifen) – so definiert der Weltreiterverband (FEI) die Aufgaben des Stewards. So lassen sich aber auch die Aufgaben des Richters auf dem Vorbereitungsplatz beschreiben. Ab 28. April haben die Richter in Deutschland ein Instrument mehr, um bei Fehlverhalten von Reitern auf dem Vorbereitungsplatz wie auf dem Turnierplatz einzugreifen.

Neuerungen der LPO

Mit der Gelben Karte werden Reiter zunächst verwarnt, das Zeigen der Roten Karte bedeutet das Aus für die betreffende Prüfung. „Beides, die Rüge und den Ausschluss. gab es bisher auch schon“, informierte Friedrich Otto-Erley, Leiter der Abteilung Turniersport der Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) in seinem Vortrag über die „Neuerungen in der Leistungs-Prüfungs-Ordnung“. „Jetzt aber wird es noch deutlich sichtbarer und ist auch gleichzeitig mit einer Veröffentlichung am Schwarzen Brett und einer Information der Landeskommission verbunden.“ Ein Verstoß wird somit aktenkundig und kann auch von anderen – Teilnehmern wie Richtern – eingesehen werden. Sichtbarer werden soll in Zukunft auch der Aufsicht führende Richter selbst; die Frage des Wie – entsprechende Uniform oder das Tragen einer Rosette – sei noch nicht gelöst.

“Ich bin doch kein Polizist”

„Was soll ich da? Ich bin doch kein Polizist.“ „Das ist nicht unsere Aufgabe. Das sollen andere machen. Dafür kann der Veranstalter ja Stewards einladen.“ „Dafür habe ich jetzt gerade keine Zeit.“ Die Gründe, sich vor der Aufsichtsführung zu drücken, sind vielfältig, wie Rolf-Peter Fuß (Erkelenz) in seinem Vortrag „Disziplinarische Möglichkeiten“ zum Ausdruck brachte. „Das Richteramt ist schließlich ein Ehrenamt und soll ja auch Freude machen. Ordnungsmaßnahmen auszusprechen ist dagegen unangenehm“, so der langjährige Richter und Geschäftsführer des Pferdesportverbands Rheinland. Oft genug fehle es auch an der Rückendeckung durch die Kollegen oder den Veranstalter.

Eine Aufsicht sei jedoch erforderlich: Um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass man selbst seinen „Laden“ in Ordnung halten könne, um die Teilnehmer und Pferde zu schützen – gegebenenfalls auch vor sich selbst – und schließlich um durch das Beobachten der Teilnehmer den eigenen Horizont zu erweitern. Richtig grobes Foul käme im Übrigen seltener vor, als es die aktuelle Diskussion vermuten lässt. „Die Fälle, in denen ich in meiner 34-jährigen Richterzeit jemanden ausgeschlossen habe, lassen sich an einer Hand abzählen“, sagte Fuß. Zulässig ist der Ausschluss laut Reglement bei wiederholtem unreiterlichen Verhalten, aber auch bei Gefahr für „Leib und Leben“. Ein Ausschluss gilt nur für die jeweilige Prüfung, wird sofort mündlich ausgesprochen und ist endgültig.

Klaus Balkenhol: Turnierplätze gleichen heute einem Rummelplatz

Doch wann wird ausgeschlossen, wann reicht die Rüge, wann nur ein kurzer Hinweis? Um die „Grenzfälle“ auf dem Vorbereitungsplatz ging es im Praxisteil der Veranstaltung. Mannschafts-Olympiasieger Klaus Balkenhol (Rosendahl) demonstrierte am Beispiel von Kirsten Sieber (Dortmund), zweifache Mannschafts-Vizeeuropameisterin der Jungen Reiter, und einer selbst gezogenen siebenjährigen Stute „gutes“ und „schlechtes“ Reiten auf dem Vorbereitungsplatz. „Die Turnierplätze gleichen heute einem Rummelplatz und es ist die erste Aufgabe, ein Pferd ruhig zu stellen – und zwar ohne Beruhigungsmittel oder übertriebene Hilfsmittel“, so Balkenhol.

Gutes Reiten schließt daher in erster Linie eine ausreichende Lösungsphase ein. Allerdings könne man heute häufig ein „überfallartiges“ Reiten auf den Vorbereitungsplätzen beobachten, so Balkenhol. Er ließ Sieber dies einmal demonstrieren, was ein deutliches Unmutsbekunden der Stute zur Folge hatte. Ebenso wie das später gezeigte „Auf-den-Kopf-Stellen“ und „Hyperflexionieren“ des Pferdes. An dieser Stelle sei auf jeden Fall einzuschreiten, erklärte Balkenhol und begrüßte die Absicht der FEI, aggressives Reiten zukünftig zu sanktionieren. Damit das auch angenommen werde, müsse der Richter oder Steward allerdings die Akzeptanz der Reiter besitzen und sich auch eines gepflegten Umgangstones befleißigen.

Ansprache der Teilnehmer vor beziehungsweise nach der Prüfung

„Manchmal genügt es schon, intensiven Blickkontakt mit einem Teilnehmer aufzunehmen, um diesen von einem Fehlverhalten abzubringen“, empfahl Friedrich Otto-Erley den Richtern. Helfen könnte aber auch ein Gong, um die Aufmerksam des Reiters auf den Richter zu lenken, schlug der Kommunikationsspezialist Wolfgang Rohr (Bovenden) in seinem Vortrag „Ansprache der Teilnehmer vor beziehungsweise nach der Prüfung“ vor. Denn unter Stress reagieren Menschen anders als normal und Stress kommt gerne auf, wenn es vor oder während einer Prüfung nicht so richtig klappen will.

In so einer Situation sorgen Stresshormone dafür, dass das Denkhirn aus- und das archaische Reptilienhirn angeschaltet wird, das seinem Besitzer nur zwei Wege weist: Flucht oder Kampf. „Dann macht man oft Dinge, die man hinterher bereut“, wusste Rohr aus eigener reiterlicher Erfahrung zu berichten. Von ihm erfuhren die Richter auch, dass jede Botschaft vier Ebenen hat – die Sachebene, die Beziehungsebene, die Eigenbekundung und den Appell –, was auch ohne Stress schon zu reichlich Missverständnissen führen kann. Hinzu kommt eine unterschiedliche Persönlichkeitsstruktur.

So lässt sich ein Sicherheitsbetonter Mensch oft allein vom Aufzeigen der Regeln beeindrucken, während man den Durchsetzungs-betonten Menschen am anderen Ende der Skala schon bei der Ehre packen muss, wenn man ihn überzeugen will: „Das kann Dich den Sieg kosten, wenn Du hier so weitermachst.“

Heinrich-Hermann Engemann: Aufsicht führende Richter sollte wissen, wie der Parcours aussieht

Vielleicht ist das der richtige Ton, einen Springreiter zu ermahnen, der gerade einen Fehler beim Probesprung provoziert hat. Eine Hilfestellung, was auf dem Vorbereitungsplatz erlaubt ist und was nicht, zeigen Abbildungen, die neuerdings in der LPO zu finden sind. Nur auf das Regelwerk allein verlassen sollten sich die Richter allerdings nicht. „Sie müssen Fachleute genug sein, um zu erkennen, was geht und was nicht. Außerdem sollten die Aufsicht führenden Richter immer auch wissen, wie der Parcours aussieht, auf den sich die Reiter gerade vorbereiten“, wünschte sie Bundestrainer Heinrich-Hermann Engemann (Bissendorf), der mit Philipp Schober (Warendorf) im Praxisteil Szenen vom Vorbereitungsplatz Springen demonstrierte. „Eines ist klar: Auf dem Vorbereitungsplatz dürfen auch mal Fehler gemacht werden, dafür ist er ja da“, sagte er. „Aber das Pferd muss immer eine Chance haben.“ Eine Forderung, die alle anwesenden Richter – trotz allerlei Diskussionen über Details – sicherlich unterschreiben würden.

Quelle: FN aktuell

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